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  • Corinna Harfouch - Hommage an Wolfgang Hilbig
  • „Klangrauschen“ mit einer Hommage an Wolfgang Hilbig


    → Lübeckische Blätter

    Atmosphärisch präludiert Felix Kroll auf seinem Akkordeon vor sich hin. Schließlich räumen Corinna Harfouch und Catherine Stoyan einen kleinen Tisch auf die Bühne der Kammerspiele, dann eine Apparatur samt Kaffeemaschine. Im scheinbar behaglichen Ambiente eines Wohnzimmers, gelegentlich kichernd und flüsternd, lesen beide Prosa und Lyrik von Wolfgang Hilbig, dem großen Unbekannten der deutschen Literatur. 1941 wird er im thüringischen Meuselwitz geboren und erschließt sich in häuslicher Enge, angeregt durch die Mutter, ungeahnte Literaturwelten. Später macht Hilbig eine Lehre zum Bohrwerkdreher. Daneben taucht er in die Welt der literarischen Romantik ab, bei E.T.A. Hoffmann, Tieck, Eichendorf, Novalis. Zehn Jahre arbeitet er, die eigene Schriftstellerei bleibt erfolglos, als Kesselheizer, gerät in Konflikt mit den DDR-Autoritäten. Hilbig lebt dann in Ost-Berlin sowie Leipzig, veröffentlicht auf Vermittlung des Redakteurs Karl Corino in der Bundesrepublik und siedelt um. Der sprachmächtige Autor hat Erfolg, bekommt schließlich den Büchner-Preis. Die Nacht am Ende der Straße ist Fragment geblieben, bittere Reflexionen über das Schreiben, als die Kräfte versiegen. 2007 stirbt Hilbig.
    Für die Lesung hatte das „Ensemble Radar“ in der Reihe „Klangrauschen“ hochkarätige Akteusen aufgeboten. Man spürte, wie die Bühnenluft sie animierte, alle möglichen Darstellungsmittel anzutippen: Corinna Harfouch, Urgestein von Frank Castorfs Berliner „Volksbühne“, bekannt durch Filme wie etwa „Vera Brühne“ und „Der Untergang“, und ihre Schwester Catherine Stoyan, lange beim „Berliner Ensemble“ engagiert. Beide streiften etwa bei „Die Arbeiter“, „Der „Durst“, „Hurra! Hurra!“ und „Das Meer in Sachsen“ unterschiedliche Lebensphasen wie auch Textgenres des Autors.
    Corinna Harfouch outete sich als Sächsin und sang mit ihrer Kollegin lustvoll die Melodie von Bob Dylans „Like a Rolling Stone“. Den Song spielte der exzellente Akkordeonist Felix Kroll, der die Rezitationen zudem mit Musik von Sofia Gubaidulina und Hanns Eisler bereicherte. Er zeigte, welche vielfältigen Möglichkeiten das Akkordeon besitzt, wenn es über Chansonbegleitung oder Arrangements hinaus eingesetzt wird und gute, intelligente Instrumentalisten im Spiel sind. Statische Klänge, Melodiepunkte, Geräusche und Farbmutationen waren zu hören, etwa bei Helmut Oehrings „Gestopfte LEERE“ oder in Toshio Hosokawas schwingender „Melodie“, gespeist aus westlicher Avantgarde und japanischer Spiritualität. Auch die klassische Gestaltung beherrscht der virtuose Felix Kroll. Domenico Scarlattis d-Moll-Sonate perlte fein ziseliert, hatte kontrastiv satten Vollklang.
    Im Leseprogramm kamen dann noch „Versuch über Katzen“, „träum dir“ und „Die Flaschen im Keller“. Manchmal waren an diesem Abend die Wechsel zwischen Spaß, Groteske, Ernst und deren performativer Präsentation für das Publikum nicht recht einschätzbar. Am Ende gab es jedoch für alle stürmischen Beifall.

    Lübeckische Blätter 2018/17 – Wolfgang Pardey


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