musik für neugierige ohren

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  • Corinna Harfouch - Hommage an Wolfgang Hilbig
  • »La Fabbrica« - Die verlassene Fabrik
  • Novo Brasil – ensemble cross.art
  • For Philip Guston – RADAR
  • Auf nach Brasilien in die Wärme


    → Lübeckische Blätter

    „Novo Brasil!“ hieß das Konzert des Stuttgarter Ensembles cross.art – ein umfassender Blick auf die frische Musikkultur des südamerikanischen Landes. Das ambitionierte Lübecker Projekt „Klangrauschen“ der agilen Pianistin Ninon Gloger hatte „Musik für neugierige Ohren“ in den Musikschulsaal der Gemeinnützigen gebracht. Große Vielfalt spiegelten die Werke, darunter drei Uraufführungen. Denn spannungsvoll fließen seit der Barockzeit in Brasilien die Kulturen zusammen – Kirchenmusik und iberische Folklore aus Europa, Klänge wie auch Rhythmen der Indios und Afrikaner. Casas de Opera gab es schon um 1750, und die Oper der Kautschukbarone in der Urwaldmetropole Manaus ist (auch filmische) Legende. Mal regierte das nationalmusikalische Idiom, mal der Blick nach Europa.
    Heitor VillaLobos ist der einflussreiche Großmeister, der zu Beginn der Moder ne alles fesselnd vereint. Artifizielles und Folklore, erwärmt von sinnlicher Intensität, verquickte sich am 9. März bei Chorus Nr. 2 in ausgreifender Melodik, raffinierter Klangfarbe und Akkordik, intensiv gespielt von Saeko Takayma (Violine) und Junko Yamamoto (Violoncello). Drei Klaviertrios erlebten die Uraufführung. Maurício Dottoris „Sed perpetua aeris tempris“ wirkte sich als Klangfarbenstück mit Geisterhuschen, Glissandoeffekten aus dem Klavierbauch (Junko Yamamoto) und repetitiven Melodieverzweigungen.
    Noch stärker ist Rafael Nassifs Stück „Suonare, ascoltare, transfigurare“ an Klangvaleurs und Resonanzen orientiert, die sich überlagern und verschmelzen – apart und meditativ, gelegentlich rhythmisch intensiv; grenzüberschreitend mit dem Komponisten am Klavier, dessen Stimmklänge einflossen. Bei Fernado Riederers „Shô III“! stehen expressive Ausbrüche neben Einzelereignissen, die im langsamen Zeitfluss verklingen und verlaufen, quasi „Explosion und Nachhall“ mit einer Klangallusion der japanischen Mundorgel. Starken Beifall gab es für die Uraufführungen, die das Ensemble eindringlich spielte.
    Chico Mello steuerte ein schon älteres Trio bei, „Debaixo Da Bossa“ als Klangschatten und Schichtungen einer Bossa nova; ein raffiniertes Spiel mit der Zeitstruktur – Stille, Lostoben und Bremsen. Und natürlich eine genuin brasilianische Musikbeschwörung. Solistisch zeigte Saeko Takayma einen runden, farbigen und strahlenden Violinton beim Changieren der Farben in Marcos Balters „ignis fatuus“. Die ausgesprochen versierte Pianistin Junko Yamamoto spielte, impressionistisch feingeschliffen, Guilherme Nacimentos Stück „Os Abacaxis não voam“ als fernöstlich inspirierte Meditation. Und Céline Papion hatte reiche Gelegenheit, Harry Crowls „Visões noturnas“ mit sonorer Weite und technischer Brillanz auf dem Violoncello zu gestalten – ein wahnhaftes Gespensterstück. Das Publikum zeigte sich begeistert über den anregenden Abend und die attraktiven Interpretationen.

    Lübeckische Blätter 2013/6 – Wolfgang Pardey


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